DSV-Präsident David Profit: „Wir müssen die guten Entwicklungen jetzt gemeinsam weitertragen“
- 11.09.2026
Herr Profit, hinter dem deutschen Schwimmsport liegt nach den Europameisterschaften in Paris ein außergewöhnlich erfolgreicher Sommer. Wie haben Sie die vergangenen Wochen erlebt?
David Profit: Natürlich macht mich das sehr stolz. Wir haben in Paris die erfolgreichsten Europameisterschaften seit 20 Jahren erlebt und in verschiedenen Disziplinen großartige Leistungen gesehen. Dahinter steckt unglaublich viel Arbeit – von den Athletinnen und Athleten, den Trainerinnen und Trainern und vielen weiteren Menschen in unserem Leistungssportsystem. Ihnen gebührt zunächst einmal die Anerkennung. Was mich aber genauso freut, ist die Resonanz darauf. Wir haben im Fernsehen und über unsere eigenen Kanäle sehr viele Menschen erreicht und für unseren Sport begeistert. Das zeigt, welche Strahlkraft der Schwimmsport entwickeln kann. Ich glaube, diese positive Entwicklung sollten wir jetzt gemeinsam weitertragen.
Auch darüber hinaus war der DSV in diesem Sommer sehr präsent. Was nehmen Sie daraus mit?
Wir haben an vielen Stellen eine gute Entwicklung. Mit den Junioren-Europameisterschaften in München konnten wir wieder internationale Meisterschaften nach Deutschland holen. Bei den Finals in Hannover waren wir mit einem neuen Wettkampfformat vertreten. Gleichzeitig haben wir wichtige politische Themen wie die Schwimmfähigkeit und die Zukunft unserer Bäder weiter vorangebracht. Für mich gehört das zusammen. Natürlich steht für einen Sportverband der Sport im Mittelpunkt. Aber wir müssen uns genauso darum kümmern, unter welchen Bedingungen dieser Sport künftig stattfinden kann. Dafür müssen wir im organisierten Sport und gegenüber der Politik eine hörbare Stimme sein.
Sie waren bei vielen dieser Veranstaltungen selbst vor Ort. Welche Bedeutung hat das für Sie als ehrenamtlicher Präsident?
Mir ist wichtig, bei solchen Veranstaltungen nicht nur für eine Rede vorbeizukommen. Ich möchte mit den Aktiven, den Trainerinnen und Trainern, den Ehrenamtlichen und unseren Partnern sprechen und sehen, was vor Ort gut funktioniert und wo es vielleicht noch Probleme gibt. Der DSV ist ein großer und sehr vielfältiger Verband. Wir haben Landesverbände, Vereine, unterschiedliche Disziplinen und sehr viele Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren. Ein solcher Verband lebt davon, dass man miteinander im Gespräch bleibt. Das habe ich beispielsweise bei der JEM in München sehr bewusst erlebt. Dort haben wir auch ehemalige Olympiateilnehmerinnen und -teilnehmer eingebunden, ebenso Vertreterinnen und Vertreter unserer Partner und anderer Institutionen. Viele wurden zum ersten Mal eingeladen. Mir gefällt dieser Gedanke sehr: Menschen aus unterschiedlichen Generationen und Bereichen des Schwimmsports zusammenzubringen und sichtbar zu machen, wie groß unsere Gemeinschaft ist.
Dieses Zuhören spielt derzeit auch bei der deutschen Olympiabewerbung eine Rolle. Wie positioniert sich der DSV?
Für mich steht zunächst etwas anderes im Vordergrund als die Frage nach einer einzelnen Stadt: Ich würde mich sehr freuen, wenn wir wieder Olympische und Paralympische Spiele in Deutschland erleben könnten. Ich glaube, dass das unserem gesamten Sport einen enormen Schub geben kann.
Bei der Frage, mit welchem Standort Deutschland in das internationale Rennen gehen sollte, haben wir drei sehr gute Konzepte vorliegen. Deshalb wollen wir uns die Entscheidung nicht leicht machen. Wir hören bewusst in den Verband hinein und haben Menschen in unterschiedlichen Leitungsfunktionen um ihre Einschätzung gebeten. Wir bieten aber auf unserer Website allen aus dem Schwimmsport an, uns bei der Frage zu beraten. Ich vertraue darauf, dass so viele Argumente zusammenkommen, die unsere Entscheidung tragen. Am Ende müssen wir unsere drei Stimmen verantwortungsvoll abgeben. Mir ist dabei wichtig, dass wir unterschiedliche Perspektiven berücksichtigen und die Entscheidung im DSV-Präsidium und Vorstand gemeinsam treffen.
Welche Kriterien sind Ihnen persönlich dabei besonders wichtig?
Eine Olympiabewerbung sollte weit über die Spiele selbst hinaus gedacht werden. Sportstätten, die neu gebaut oder modernisiert werden, sollten auch danach sinnvoll genutzt werden können – für den Breiten- genauso wie für den Leistungssport, und möglichst auch für weitere internationale Veranstaltungen. Alle drei Bewerbungen bieten dafür interessante Ansätze. Deutschland enormes Potenzial für große Sportveranstaltungen. Das haben wir auch in diesem Sommer wieder gesehen. Wenn Deutschland den Zuschlag erhält, wird es in den kommenden Jahren viele internationale Veranstaltungen brauchen, um zu zeigen, dass wir ein guter Gastgeber sind. Daran wollen und können wir uns als DSV beteiligen.
Neben dem Leistungssport gehört die Schwimmfähigkeit zu den Themen, die Sie seit Ihrem Amtsantritt immer wieder ansprechen. Wo stehen wir dort?
Wir haben nach wie vor die Situation, dass mehr als 500.000 Kinder die Grundschule jedes Jahr verlassen, ohne sicher schwimmen zu können. Das dürfen wir nicht einfach hinnehmen. Sicher schwimmen zu können ist eine grundlegende Fähigkeit und im Zweifel eine Frage der Sicherheit. Ich bin dafür, dass in den Zeugnissen der Klassen 1 bis 6 die erworbenen Schwimmabzeichen erwähnt werden. Das schafft in den Ländern über eine Statistik Transparenz und ermöglicht gezielte Förderprogramme. Ich freue mich sehr, dass wir mit „Deutschland lernt Schwimmen“ gemeinsam mit der DLRG und dem Bundeskanzleramt einen wichtigen Schritt weitergekommen sind und 20 Millionen Euro bis 2029 durch das gemeinsame Konzept entsperrt wurden. Jetzt gilt es, diese Mittel so effizient wie möglich einzusetzen. Wir freuen uns sehr auf die Kooperationsvorschläge aus der Breite, denn wir brauchen Lösungen, die vor Ort unter unterschiedlichsten Voraussetzungen funktionieren.
Kann ein solches Programm das Problem der mangelnden Schwimmfähigkeit lösen?
Allein sicherlich nicht. Dafür ist das Thema zu komplex. Schwimmenlernen ist eine gemeinsame Aufgabe von Bund, Ländern, Kommunen, Schulen und dem organisierten Sport. Aber ich glaube, dass wir mit dem Modellvorhaben etwas Wichtiges erreichen können, nämlich herauszufinden, welche Strukturen besonders gut funktionieren und wie wir mehr Kinder zuverlässig erreichen. Wenn daraus Lösungen entstehen, die auch an anderen Orten eingesetzt werden können, sind wir einen großen Schritt weiter.
Eine zentrale Voraussetzung bleibt die Wasserfläche. Sie haben sich persönlich sehr stark mit der Zukunft der Bäderlandschaft beschäftigt.
Ohne Schwimmbäder gibt es keinen Schwimmunterricht, keine Schwimmkurse, keinen Vereinssport und am Ende natürlich auch keinen Leistungssport. Deshalb beschäftigt mich dieses Thema sehr. Wir haben in Deutschland über viele Jahrzehnte eine Bäderlandschaft entwickelt, die sehr stark kommunal geprägt ist. Gleichzeitig sehen wir inzwischen einen erheblichen Sanierungsbedarf und sehr unterschiedliche Voraussetzungen von Region zu Region. Förderprogramme sind wichtig, aber sie allein lösen das strukturelle Problem nicht.
Deshalb haben wir gemeinsam mit unseren Partnern den Deutschen Schwimmbadplan entwickelt. Dahinter steht die Idee, den Bedarf stärker systematisch zu betrachten: Welche Wasserflächen brauchen wir wo? Welche Bädertypen erfüllen welche Aufgaben? Und wie schaffen wir Strukturen, mit denen diese Bäder dauerhaft betrieben werden können? Dass diese Überlegungen inzwischen auch im DOSB breite Unterstützung gefunden haben, ist für uns ein wichtiger Schritt.
Sie haben auch immer wieder gefordert, die politische Verantwortung für Schwimmbäder stärker anzuerkennen.
Schwimmunterricht steht in den Lehrplänen. Daraus entsteht aus meiner Sicht auch eine Verantwortung dafür, dass die notwendigen Wasserflächen vorhanden sind. Wir können nicht auf der einen Seite verlangen, dass Kinder schwimmen lernen, und auf der anderen Seite immer mehr Bäder schließen oder Kommunen mit deren Finanzierung alleinlassen. Deshalb müssen wir auch über die dauerhafte Finanzierung sprechen. Ich halte es beispielsweise für sinnvoll, beim kommunalen Finanzausgleich stärker zu berücksichtigen, welche Kommunen Schwimmbäder für eine ganze Region vorhalten. Es braucht aus meiner Sicht eine langfristige gemeinsame Verantwortung von Bund, Ländern und Kommunen.
Sie kennen diese Schwierigkeiten nicht nur aus der Verbands- und politischen Arbeit, sondern auch aus Ihrem eigenen Verein.
Ja, und das prägt natürlich meine Sicht auf das Thema. Ich bin weiterhin ehrenamtlich Vorsitzender des Schwimmvereins Freibad Gimbsheim. Unser Verein hat das Freibad vor vielen Jahren übernommen, weil es sonst geschlossen worden wäre. Heute haben wir 5.700 Mitglieder und jedes Jahr rund 1.000 Kinder in unseren Schwimmkursen. Gleichzeitig müssen wir unser undichtes Becken sanieren und erleben dabei selbst, wie schwierig Finanzierung und Förderprogramme sein können. Das erdet mich. Wenn ich mit politischen Verantwortlichen über Bäder spreche, kenne ich die Situation nicht nur aus Papieren oder Statistiken. Ich weiß, was solche Entscheidungen für einen Verein und für die Menschen vor Ort bedeuten.
Wenn Sie nach diesem Sommer nach vorne schauen: Was ist Ihnen für die weitere Entwicklung des DSV besonders wichtig?
Ich glaube, dass wir momentan an vielen Stellen gute Voraussetzungen haben. Unsere Athletinnen und Athleten sorgen für großartige sportliche Leistungen und Rekorde. Unsere Vereine und viele Ehrenamtliche tragen den Schwimmsport jeden Tag engagiert vor Ort. Gleichzeitig werden wir mit unseren Themen in Politik und organisiertem Sport stärker wahrgenommen. Unsere Umgangskultur miteinander und unser Selbstbewusstsein hinken hinter diesen Leistungen hinterher, das muss besser werden. Ich bin beispielsweise für die Gründung eines Ehemaligenverbandes, mit dem wir unsere Bindung mit ehemaligen Athletinnen und Athleten aus beiden deutschen Staaten, den ehemaligen Präsidiumsmitgliedern und Trainerinnen und Trainern stärken. Im DSV ist mir wichtig, dass wir im Verband ein gutes Miteinander pflegen, ein starkes Ehrenamt leben und gemeinsam mit unserem hauptamtlichen Vorstand die richtigen Rahmenbedingungen für die weitere Entwicklung schaffen. Dafür brauchen wir aber auch höhere finanzielle Beiträge. Die sind seit 30 Jahren nicht erhöht werden. Kampfrichter übernachten daher beispielsweise regelmäßig in Doppelzimmern. Das kann so nicht weitergehen. Und nach außen müssen wir weiter dafür werben, dass Schwimmen und der Schwimmsport die Aufmerksamkeit bekommen, die sie verdienen – vom Schwimmenlernen, über unsere Bäderinfrastruktur, Fernsehberichterstattung bis hin zu internationalen Großveranstaltungen. Da hat unser Vorstand bereits vieles erreicht. Da hat er noch einiges vor. Für beides bin ich dankbar. Ich bin sicher: Gemeinsam können wir noch vieles für den Schwimmsport schaffen.
















