EM-Rennen in der Seine: Warum es sich besser schwimmt als bei Olympia 2024

Die Freiwassermannschaft des DSV bei der EM 2026 in Paris ©Jo Kleindl
- 02.08.2026
Bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris (FRA) gab es große Diskussionen rund um das Freiwasserschwimmen. Wegen der starken Strömung genauso wie um die schlechte Wasserqualität der Seine. Bei den Europameisterschaften zwei Jahre danach wird bei den Rennen ab Dienstag diesmal aber vieles anders laufen, da sind sich nach dem ersten Training auf der Wettkampfstrecke am Sonntag auch die Beteiligten absolut sicher.
>> Videointerview mit Bundestrainer Bernd Berkhahn
Geschwommen wird zwar wieder in der Seine, diesmal aber an einer anderen Stelle zwei Brücken weiter westlich zwischen Pont de Grenelle und Pont de Bir-Hakeim. Hier gibt es einen durch eine Mauer abgetrennten Seitenarm, in dem es ohne Schiffsverkehr ruhiger zugeht. Sogar Hausboote liegen hier am Ufer. Nach Olympia wurde in diesem Bereich auch eine öffentliche Badestelle eingerichtet, an der nun die mit Milliardenaufwand verbesserte Wasserqualität regelmäßig überprüft wird. Diese ist derzeit nachweislich sehr gut, auch weil anders als 2024 im Vorfeld des Wettkampfs nur wenig Regen fiel und in den kommenden Tagen auch kaum fallen soll.
Bundestrainer Berkhahn lobt das neue Wettkampfrevier
„Wir sind erleichtert, dass wir deutlich bessere Bedingungen haben als 2024 bei den Olympischen Spielen. Wir haben hier kaum Strömung, eine gute Wasserqualität und das Wasser ist warm. Es ist fast idyllisch“, sagte Bundestrainer Bernd Berkhahn. Der Perfektionist hatte vor zehn Tagen noch mal eine Pariser Bekannte an der Wettkampfstrecke die Bedingungen im öffentlichen Badebetrieb bereits testen lassen, die positive Wandlung kommt also nicht ganz überraschend. Geimpft und probiotisch gestärkt wurden seine Aktiven im Vorfeld der EM vorsorglich natürlich dennoch.
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Die konkreten Zahlen zum Vergleich: Mit 26 Grad ist das Wasser diesmal über drei Grad wärmer als bei Olympia. Noch eklatanter ist aber der Unterschied bei der Strömungsgeschwindigkeit: Statt 0,7 Meter pro Sekunde liegt diese derzeit bei unter 0,1. Dass die Aktiven nur ganz dicht am Ufer entlang schwimmen wie vor zwei Jahren, als einige sich sogar an den Pflanzen am Rand die Arme aufscheuerten, ist diesmal daher nicht zu erwarten.
Strömung ist deutlich geringer, kann dennoch entscheidende Wirkung haben
„Auch die leichte Strömung muss man aber beachten, es geht bei so einem Schwimmwettkampf schließlich um Zehntel- oder Hundertstelsekunden am Ende. Wenn man in der Lage ist, Kraft zu sparen, macht man das natürlich und nutzt jeden kleinen Vorteil, der sich auf der Strecke ergibt“, betonte Berkhahn. Daher wurden mit den Technologie-Expert*innen des Instituts für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten (FES) auch wieder Strömungsprofile für den Rennkurs ermittelt. „Wir setzen aber auch auf die Sensibilität der Schwimmer, die die ganze Breite der Seine jetzt noch einmal abgetastet haben, wo die besten Strömungsverhältnisse existieren. So kreieren wir uns nun die optimale Strecke.“ Da der Kurs diesmal nur 1,25km lang ist, sind bei den 10km-Rennen acht Runden zu schwimmen, was auch andere Strategien für die Verpflegung als bei den sonst im Weltcup üblichen sechs Runden ermöglicht.
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Bei Olympia 2024 hatte Oliver Klemet bekanntlich Silber im 10km-Rennen gewinnen können, diesmal ist er für alle vier EM-Rennen im Freiwasser (und später noch weitere im Becken) qualifiziert. „Ich möchte wieder aufs Podium kommen. Beim Knockout-Sprint habe ich sicherlich die beste Chance, ganz oben anzukommen“, meinte der 24-Jährige von der SG Frankfurt. Vierfach-Weltmeister Florian Wellbrock dämpfte dagegen die Erwartungen im Vorfeld der EM: „Ich war dreimal in dieser Saison krank, das ist für mich ungewöhnlich viel. Vor Singapur war ich überhaupt nicht krank. Die Medaillenhoffnungen sind auf ein Minimum zurückgeschraubt. Wenn ich auf den olympischen zehn Kilometern in die Top Ten schwimme, haben wir schon eine Menge geschafft“, sagte der bald 29-Jährige vom SC Magdeburg.
Wellbrock dämpft Erwartungen, aber der Coach glaubt an seine „Maschine“
Der Bundestrainer sieht die Lage inzwischen aber nicht ganz aussichtslos. „Die Jungs haben gut trainiert und sind wild entschlossen“, sagte Berkhahn nach dem Training am Sonntag. „Es war eine schwierige Saison mit erstaunlich vielen Verletzungen, Krankheiten, Motivationsproblemen. Das ist nicht nur ein Phänomen bei Florian, sondern insgesamt auch in anderen Ländern. Alle holen Luft vor dem nächsten WM-Jahr und den Olympischen Spielen in LA. Das muss man auch mal akzeptieren und respektieren. Flo ist sicherlich nicht in Topverfassung körperlich. Er hatte gute Rennen in der Saison und schwächere, wo die Bedingungen nicht so gut waren und er auch nicht mental die nötige Einstellung hatte. Aber er ist hier jetzt sehr motiviert, er mag die Strecke, er mag Paris. Ich lasse mich überraschen, was geht. Er ist immer noch eine Maschine im Freiwasser und hat immer noch den Respekt der anderen Schwimmer. Die Karten werden dann im Rennen gemischt.“
Schmerzlich für den Deutschen Schwimm-Verband e.V. (DSV) sind auf jeden Fall die gesundheitlich bedingten EM-Absagen von Lea Boy und Leonie Märtens. „Das ist nicht das, was wir uns erhoffen. Und wir haben nicht die Leistungsbreite, dass wir jemand für das Zehn-Kilometer-Rennen nachnominieren können“, erklärte Berkhahn dazu. Junioren-Europameisterin Julia Ackermann (SC Chemnitz) und Fabienne Wenske (SV Nikar Heidelberg) konzentrieren sich auf das 5km-Rennen am Tag danach. Und profitieren womöglich davon, dass sie dann anders als viele Konkurrentinnen ausgeruht an den Start gehen.
Gose und Liebmann mit Chancen im Knockout Sprint
Im Freiwasser dabei ist auch Beckenspezialistin Isabel Gose, die bei der Eroberung des neuen Metiers im Vorjahr auf Anhieb Staffel-Weltmeisterin geworden war. Sie konzentriert sich wie ihr Magdeburger Vereinskollege Johannes Liebmann in Paris auf den Knockout Sprint und eventuell die Staffel, bevor dann ab 10. August die Beckenwettbewerbe anstehen. „Die Distanzen beim Knockout Sprint (drei Eliminationsrunden über 1500m, 100m und dann 500m, Anm. d. Red.) passen gut zu meinem Trainingsprogramm, aber die Bedingungen sind völlig anders. In Singapur habe ich das Ganze ehrlich gesagt noch etwas unterschätzt. Bei der Weltmeisterschaft war ich überrascht, wie schnell schon in den ersten beiden Runden geschwommen wurde – und wie körperbetont es zugeht, wenn man keine eigene Bahn für sich hat. Wie ich es zuletzt beim Weltcup auf Sardinien angegangen bin, war eigentlich gar kein schlechter Ansatz. Ich habe seitdem definitiv einiges dazugelernt“, sagte Gose.
Das Potenzial für Edelmetall ist auch Liebmann zuzuschreiben, der zuletzt Zweiter bei den Junioren-Europameisterschaften wurde. Druck verspürt der 19-Jährige Shootingstar dieser Saison aber auch nach seinem 800m-Rekord im Frühjahr nicht. „Für mich geht es darum, Erfahrungen auf höchstem Niveau zu sammeln, aber auch jede Gelegenheit bestmöglich zu nutzen“, sagte Liebmann.
Die EM-Starts des DSV-Teams
04. August, 10:00 Uhr: 10km Männer mit Florian Wellbrock, Oliver Klemet
04. August, 14.30 Uhr: 10km Frauen ohne deutsche Beteiligung
05. August, 10:00 Uhr: 5km Männer mit Oliver Klemet, Florian Wellbrock
05. August, 14:30 Uhr: 5km Frauen mit Julia Ackermann, Fabienne Wenske
07. August, 09:00 Uhr: Knockout Sprint Frauen mit Isabel Gose
07. August, 11:15 Uhr: Knockout Sprint Männer mit Oliver Klemet, Florian Wellbrock, Johannes Liebmann
08. August, 10:00 Uhr: 4x1,5km Mixedstaffel mit DSV-Quartett















