Historisches Gold für Deutschlands Freiwasserstaffel

Man mag es kaum glauben angesichts der zahlreichen Erfolge für das Freiwasserschwimmen im Deutschen Schwimm-Verband e.V. (DSV) in den

Man mag es kaum glauben angesichts der zahlreichen Erfolge für das Freiwasserschwimmen im Deutschen Schwimm-Verband e.V. (DSV) in den vergangenen Jahren. Aber Europameister in der Staffel war Deutschland tatsächlich noch nie gewesen – bis jetzt. In Paris (FRA) gelang Julia Ackermann (SC Chemnitz), Isabel Gose (SC Magdeburg), Oliver Klemet (SG Frankfurt) und Florian Wellbrock (SC Magdeburg) am Samstag der historische Triumph und damit die Krönung einer auch sonst höchst erfolgreichen EM in der Seine.

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„Wir haben vier Einzelmedaillen, jetzt eine Teammedaille, damit können wir als DSV-Freiwassermannschaft sehr, sehr zufrieden“, meinte Schlussschwimmer Wellbrock. „Ich habe hinten alles reingeworfen, um das Gold heute perfekt zu machen fürs Team. Ich kann nur den Hut vor den anderen ziehen, die haben einen super starken Job gemacht. Bei der Staffel ist es immer eine Teamleistung. Das haben wir uns heute wirklich verdient.“

JEM-Siegerin Julia Ackermann schwimmt ganz stark und ist jetzt sogar Europameisterin

Deutschland siegte nach 1:03:39,2 Stunden vor Italien (1:03:41,3) und Ungarn (1:03:42,4). Als Erste war am Samstagmorgen Julia Ackermann ins Wasser gesprungen, die als Startschwimmerin ihre Aufgabe hervorragend meisterte. Die 19-Jährige, die zwei Wochen nach Doppel-Gold bei den Junioren-Europameisterschaften in Paris zum ersten Mal bei einer großen Meisterschaft in der offenen Klasse antrat, wechselte als Zweite hinter der Türkei, die allerdings auch zuerst mit einem Mann ins Rennen gegangen war, aber gleichauf mit allen Top-Nationen.

Nach Ackermann übernahm Isabel Gose, am Vortag bereits Europameisterin im Knockout Sprint. Und zeigte gleich wieder ihre Klasse. Mutig ging sie nach vorne und sorgte an der Spitze für Tempo, was dazu führte, dass Mitfavorit Frankreich schon früh abgehängt werden konnte. „Das war wichtig, damit die Jungs freie Fahrt haben im Kampf um die Medaillen“, meinte Gose. Als sie als Zweite hinter Italien und vor Ungarn an Oliver Klemet übergab, hatten schon nur noch diese drei Nationen Medaillenchancen.

Trainingspartner Lukas Märtens feuerte diesmal mit an

Und Klemet, zum EM-Auftakt Bronzemedaillengewinner über 10km, drückte ebenfalls weiter aufs Gaspedal. Der Frankfurter schaffte es, sich von seinen Verfolgern zu lösen und eine Lücke zu reißen – zehn Sekunden lag Deutschland jetzt vorne. „Das Knockout-Rennen gestern lief ein bisschen unglücklich. Da ist es gut, dass man noch einen guten Abschluss finden konnte beim Freiwasser“, sagte er. „Ich war mir nicht bewusst, wie weit ich vorne bin. Einmal habe ich mich umgeschaut und gesehen, dass ich vor dem Ungarn bin, den Italiener habe ich gar nicht mehr gesehen.“

Als Schlussschwimmer lag es an Florian Wellbrock, den Vorsprung zu verteidigen. Der 28-Jährige ging optimistisch ins Rennen, vom Ponton aus rief er Trainingskollege Lukas Märtens noch einen lockeren Spruch zu, der an diesem Tag an der Strecke zuschaute. Mit Dávid Betlehem (HUN) und Gregorio Paltrinieri (ITA) hatte er auf den letzten anderthalb Kilometern allerdings namhafte Konkurrenz, die auch noch einmal aufschließen konnten. „Der Vorsprung war enorm wichtig. Wenn man als Letzter in der führenden Position auf die Strecke geht, bringt das eine gewisse Verantwortung mit, das, was die anderen drei gut gemacht haben, nicht zu versauen“, sagte Wellbrock. „Und wenn man weiß, dass man Paltrinieri und Betlehem an den Füßen hat, die alles versuchen, selbst Gold zu holen, hat man schon Druck. Aber damit umzugehen ist mein Job.“

Bundestrainer Bernd Berkhahn freut sich über Platz eins im Medaillenspiegel

Nach der letzten Wendeboje setzte vor allem Betlehem alles auf eine Karte, doch der Ungar hatte zu früh den Turbo gezündet und konnte im Endspurt nicht mehr zulegen, musste vielmehr sogar Paltrinieri noch vorbeilassen. Vorne ließ Wellbrock aber nichts mehr anbrennen und sorgte für den perfekten Abschluss für das DSV-Team. Mit dem vierten Titel im siebten Rennen beendete das deutsche Freiwasser-Team den Medaillenspiegel auf Platz eins. Und sorgte zugleich dafür, dass der DSV in Paris auch insgesamt schon jetzt mehr Medaillen zu Buche stehen hat als bei den beiden vergangenen Europameisterschaften nach Abschluss. Und die Wettbewerbe im Becken kommen ja erst noch ab Montag.

„Jetzt haben wir sogar den Medaillenspiegel gewonnen. Wir sind sehr zufrieden. Das war kein Selbstläufer“, sagte Bundestrainer Bernd Berkhahn nach dem Staffeltriumph. Und lobte vor allem Ackermann und Klemet, die neben den beiden Einzel-Champions im Team Herausragendes leisteten an diesem Samstag.  „Dass Julia das vorn so gut löst, war hervorragend. Hut ab! Gerade aus der JEM raus vor zwei Wochen und dann so eine EM zu schwimmen, ist ganz toll. Und Oliver ist erstmals in einer Staffel so durchschlagend geschwommen. Das war auch so notwendig heute.“

Wellbrock spricht über seine Selbstzweifel und die Arbeit mit der Psychologin

Nach der Siegerehrung ließ sich Florian Wellbrock vor dem Eiffelturm mit seinen drei Goldmedaillen ablichten. Und betonte noch einmal, dass er nach einer schwierigen Saison mit drei längeren Krankheitsausfällen niemals damit gerechnet hätte. Der 28-Jährige reflektierte dabei auch noch mal die Bedeutung des Mentalstrainings mit einer Sportpychologin, das er seit 2024 intensiviert hatte.

„Ich will nicht sagen, dass ich ein neuer Mensch bin. Aber durch die Zusammenarbeit habe ich schon gelernt, viele Situationen – nicht nur sportlich, sondern auch privat – einfach ein bisschen anders einzuordnen. Das war auch ausschlaggebend, dass ich überhaupt angereist bin. Selbstzweifel waren da. Vor drei, vier Jahren hätte ich da noch weniger rational reagiert, als ich das jetzt tue. Ich habe von Anfang an gesagt, komme was wolle, wir ziehen das Jahr jetzt durch und gucken, was dabei herauskommt. Und wenn das ein zwölfter Platz ist, dann ist es halt so.  Und es sah mittendrin wirklich nicht gut aus. Ich wollte zwar kein Beckenschwimmen, hätte mich aber auch nicht qualifiziert in dieser Saison, da wäre ich an dieser Hürde gescheitert tatsächlich. Meine Weltcups im Freiwasser waren zwischendrin auch nicht gut, mit Platz 30 oder 32 mit zwei Minuten Rückstand. Da habe mich schon gefragt: Was machen wir hier eigentlich?

Vor dem 29. Geburtstag in elf Tagen testet Wellbrock schnell noch die Olympiastrecke von 2028

Mein Anspruch ist ein ganz anderer. Ich versuchte es im Training, aber es funktionierte nicht. Ich musste mit den Mädchen trainieren. Klar, die sind Weltspitze. Aber ich wollte mit Ollie (Klemet) und Lukas (Märtens) schwimmen. Das konnte mein Körper aber einfach nicht hergeben.  Ich habe noch nicht so richtig eine Antwort für mich gefunden, warum das so war. Aber das ist mir aktuell auch gerade egal. Ich bin einfach nur happy, dass bei der EM alles so erfolgreich funktioniert hat.“

 

Obwohl Wellbrock auch in Paris nie das Gefühl hatte, das es so richtig gut Rutschen würde, stieg der bald 29-Jährige noch am Abend ins Flugzeug nach Los Angeles (USA). Dort startet er bei den Pan Pacific Games beim 10km-Rennen, trainiert nebenher zweimal auf der Olympiastrecke in zwie Jahren. „Es geht erst einmal darum, ein bisschen Olympiafeeling für 2028 zu kriegen. Dann geht es aber auch für mich in den Urlaub.“

 

Freiwasser-EM 2027 auf Sardinien

 Die nächste EM im Freiwasser wird übrigens in Italien stattfinden. Wie European Aquatics am Samstag bekanntgab, werden die Titelkämpfe 2027, die dann wieder als alleiniges Event ausgetragen werden, in der letzten Mai-Woche in Alghero auf Sardinien über die Bühne gehen. Der Termin Ende Mai passt sich allerdings allen ins Programm, denn die Weltmeisterschaften in Budapest (HUN/26. Juni –18. Juli 2027) finden früher im Saisonverlauf statt als gewohnt.

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